Wie zutraulich die kleine Meise doch in meiner Hand sitzt!
Sie hat ihre natürliche Scheu überwunden.
Es ist so leicht, ein paar Körner und Nussstückchen von der Hand zu picken, anstatt selbst mühsam die Tannenzapfensamen zu bearbeiten.
Warum macht sie das?
Sie hat sich den äußeren Umständen angepasst.
Dort, wo dieses Foto entstand, sind immer sehr viele Touristen unterwegs.
Meist das ganze Jahr über kommen Menschen in Scharen vorbei.
Sie suchen die Ruhe in der Natur und wollen die Sehenswürdigkeiten und Aussichten der Umgebung genießen.
Nun, mit Ruhe ist es nicht weit her, wenn die Anzahl der Wanderlustigen steigt.
An manchen Tagen drängeln sich die Menschen förmlich auf den schmalen Pfaden.
Kinderwagen, Fahrräder, Roller.
Jogger, Wanderer und hüpfende Kinder.
Nichts, was diese Waldwege hinauf zum Berghotel nicht bereits gesehen hätten.
Mit dieser Tatsache mussten sich die Tiere der Umgebung abfinden.
Was blieb ihnen denn übrig? Umziehen? Das würde wenig Sinn ergeben, wenn es in ihrem erreichbaren Umkreis genauso zugeht.
Sich verstecken und nur noch nachts herauskommen?
Das passt für viele der dort heimischen Arten einfach nicht.
Was die Meisen, Eichhörnchen und Häher dort gemacht haben, kann man sicherlich vielerorts beobachten, wo der Lebensraum der Tiere eingeschränkt wird.
Sie haben uns beobachtet und ausprobiert, wie sie gemeinsam mit uns dort existieren können.
Wäre das unser Lebensraum gewesen, der so eingeschränkt wurde, hätten wir uns gewehrt. Wir hätten um unseren Platz gekämpft. Wir würden uns angegriffen fühlen und uns mit allem, was in unserer Macht stünde, verteidigen.
Was aber, wenn wir den Kampf verlieren würden?
Menschen neigen dann dazu, zu resignieren und aufzugeben.
Sie verstecken sich und ergeben sich ihrer Niedergeschlagenheit.
Eine manchmal verständliche Reaktion.
Hier, so scheint es mir, haben die Tiere eine bessere und vor allem schlauere Lösung gefunden.
Sie haben sich nicht für die Aufgabe ihres Lebensraums entschieden. Auch Resignation war für sie keine Option, um ihre Art in diesem Bereich zu sichern.
Stattdessen haben sie eine Gemeinschaft mit den Eindringlingen gebildet.
Zunächst beobachteten sie uns aus der Distanz und entschieden sich dann, mutig näherzukommen.
Sie wollten auf Tuchfühlung mit uns gehen.
Aber kann man den Menschen trauen?
Für sie waren die Reste der Menschen einfache Futterquellen.
Warum sollten sie das nicht nutzen?
Noch mutiger war dann der erste Schritt, sich von uns füttern zu lassen.
Mit Respekt und der gewissen Wildtierscheu.
Es sind schließlich keine Zootiere und eine Annäherung ist nicht selbstverständlich.
Und doch haben sie es gewagt. Sie haben dem Unausweichlichen in die Augen geblickt und seine Vorteile genutzt.
Sie haben es akzeptiert.
Akzeptiert, dass sie nicht mehr in ihrer Heimat alleine sind.
Das, was übermächtig und groß erschien, haben sie befreundet.
Warum schauen wir Menschen uns das nicht auch ab?
Situationen, die uns übermannen. Die wir nicht kontrollieren können.
Die sich anfühlen, als würde uns unser Lebensraum genommen.
Vielleicht würde es sich lohnen, noch einmal hinzuschauen?!
Anstatt gegen das Unausweichliche zu kämpfen, könnten wir neugierig hinblicken und schauen, was es für uns zu bieten hat.
Wagen wir doch auch mal die Annäherung und sehen dann in kurzer Distanz die Vorteile!
Und wenn nicht Vorteile, dann vielleicht das, was uns wachsen und größer werden lässt.
Die leider dieses Jahr im Alter von 98 Jahren verstorbene Dr. Edith Eger hat uns unendlich viele Weisheiten hinterlassen. Ich durfte persönlich von ihr lernen.
Sie hat die Menschenwürde, Freundlichkeit und Liebe über alles gestellt.
Sie hat nicht nur die schlimmste Hölle hier auf Erden überlebt, sondern sie auch als Wachstum und Weiterentwicklung genutzt.
Sie hat das Geschenk in den Dingen gesehen, die nichts anderes als akzeptiert werden können.
Ich habe es in meiner Hand.
Wie den kleinen Vogel.
Ich kann ungestüm und kämpferisch sein. Wäre der Vogel dann noch da?
Ich kann aber auch liebevoll und freundlich sein. Mit mir selbst und meiner Umwelt.
Akzeptanz zu üben und loszulassen.
Das sind die schwierigsten Dinge, wie ich finde.
Doch ich habe es in meiner Hand.