
Sie sind nicht „kaputt“ – Sie trauern.
Das habe ich nicht nur in meiner Trauerausbildung bei David Kessler gelernt. Ich habe es selbst erfahren.
Auch wenn wir denken, dass wir nach einem Verlust gebrochen sind und es sich in uns und um uns herum genauso anfühlt. Wenn andere genau das über uns sagen oder uns schnellstmöglich „reparieren“ wollen.
Es ist Trauer.
Und Ihre Trauer ist wichtig!
Die 5 Phasen der Trauer
Vielleicht haben Sie bereits von den 5 Phasen der Trauer gehört, die Elisabeth Kübler-Ross 1969 in ihrem Buch „On Death and Dying“ beschrieben hat.
Vielleicht haben Sie diese oder einzelne davon bereits selbst in irgendeiner Weise in Ihrem Trauerprozess erlebt.
Um vollständig wieder zu leben ist es wichtig vollständig zu trauern.
Das heißt aber nicht, dass sie die Phasen der Trauer erleben oder alle durchlaufen müssen. Und auch nicht, dass diese Phase eine Reihenfolge haben.
Die Phasen bieten eher einen Rahmen für uns, in dem wir unsere Trauer besser verstehen können und uns lehren wollen, wie wir mit dem Verlust leben können.
Für Trauer gibt es keine Zeitschiene und ich schließe mich auch der Meinung von Elisabeth Kübler-Ross und David Kessler an, dass diese nie enden wird.
Unsere Trauer ist so groß und tief wie die Liebe. Und genau das spiegelt sich auch in den 5 Phasen wider.
Wir haken diese nicht ab und sagen: fertig, genug getrauert. Wir durchleben diese vielleicht sogar parallel und auch noch nach Jahrzehnten erneut.
Doch mit dem Wissen um diese 5 Phasen können wir unsere ganz eigene Trauer im Leben vielleicht verstehen und mit dem Leben und dem Verlust besser umgehen.

Nicht-wahr-haben-wollen
Die erstgenannte Phase hilft uns, den Verlust zu überleben.
Alles um uns herum wird bedeutungslos. Wir sind überwältigt.
Schock und völliges loslösen von unserer Umwelt hilft uns, von diesem scheinbar untragbaren Schmerz Abstand zu nehmen. Ihn nicht fühlen zu müssen.
Und das ist sicherlich zu Beginn auch gut so. Unser Körper und unser Verstand helfen uns, alles erst nach und nach zu fühlen und damit umgehen zu müssen.
Das Gefühl der Gefühllosigkeit kann eine Gnade sein. Auch wenn von außen dies unverständlich und nicht nachvollziehbar scheint. Es hilft uns den nächsten Tag zu überstehen.
Und das ist nicht nur unser gutes Recht, es ist für uns die Bewältigungsstrategie der ersten Stunde.
Erst wenn wir beginnen den Verlust zu sehen und ihn anerkennen zu können, werden wir stärker und diese Phase lässt nach. Gefühle zeigen sich.

Ärger und Wut
Sicherlich ist diese Phase eine, die wir fühlen sollten. Ein Verlust macht uns unweigerlich wütend. Diese Gefühle zu unterdrücken oder zu verleugnen, staut ungeahnte Kräfte in uns auf, die uns krank werden lassen können oder die Welt nur noch mit verbitterten Augen sehen lassen.
Ärger und Wut sind Emotionen, die uns gut bekannt sind und mit denen wir auch oft gelernt haben umzugehen.
Die Wut kann in Trauer unbändige Formen annehmen. Selbst gegen den geliebten Menschen, der nicht mehr da ist. Gegen Freunde, Ärzte, Familie, uns selbst und vielleicht auch gegen Gott.
Lassen wir diese Wut zu, hat sie die Möglichkeit langsam zu „verrauchen“. Und das bedeutet aber auch gleichzeitig Heilung. Ein Spruch den ich bei Dr. Edith Eger, einer wundervollen Psychologin gehört habe war: What you don’t feel, cannot heal. In etwa: Was Du nicht fühlst, wird nicht heilen.
Und so verhält es sich mit der Wut. Mit dieser haben wir eine Struktur in unserer Trauer. Wir können uns an dieser halten und sie hält den Schmerz in Zaum. Auch hier wieder: Gefühle die darunter liegen dürfen erst nach und nach in unseren Fähigkeit der Handhabbarkeit an die Oberfläche kommen.

Verhandeln
Mit dem Ärger und der Wut, oder natürlich auch ganz ohne sie, kann die Phase der Verhandlung einhergehen. Auch bereits vor dem Verlust, wenn ein geliebter Mensch sterbenskrank wird oder bereits im Sterben liegt.
Verhandeln bedeutet für den der trauert, dass er versucht mit dem Tod einen Deal zu schließen. Ob er „Gott anfleht“ oder ein „Tauschgeschäft“ vorschlägt, es ist der Versuch eine andere Wahrheit herbeizuführen. In der Trauer verlieren wir uns oft in den Gedanken und Worten: „Was wäre wenn..“, „Wenn ich nur …“, „Es ist nicht fair …“. Dazu gehören auch die vielen „Warum“ Fragen, die in unserem Kopf herumspuken.
Warum passiert das ihm oder ihr? Warum passiert das mir? Warum haben wir das nicht früher kommen sehen?.
In dieser Phase verbleiben wir in der Vergangenheit. Wir sehen nicht was ist, sondern nur das was nicht ist. Wir verhandeln, um die gegenwärtige Situation erträglicher zu machen. Wie alle Phasen keine definierte Zeitdauer haben, so kann das Verhandeln eine sehr kurzweilige, aber tatsächlich auch immer wiederkehrende Situation sein. Wenn ich an das „Was wäre wenn ..“ denke, sehe ich nur diese eine mögliche Version, wie es hätte sein können. Und in diesem Moment nimmt der Schmerz ab.

Depression
Wenn die „Warum“ Fragen bleiben, wir die Nutzlosigkeit der Verhandlung erkennen, kommen wir in die Gegenwart und fühlen die Trauer auf einer ganz anderen Ebene. Die Phase der Depression übernimmt.
Wir spüren diese Trauer so tief und unendlich, dass wir glauben, dass diese für immer anhält.
Dabei grenzt sich diese Trauerreaktion ganz eindeutig von einer klinischen Depression ab. Eine Trauerdepression ist natürlich und eine normale Reaktion auf den Verlust.
Dass wir hier auch keinen Antrieb mehr haben, erschöpft sind und Interessen am äußeren Leben verloren scheinen, das sind mit der tiefen Traurigkeit aber auch nur die einzigsten Gemeinsamkeiten mit der klinischen Depression.
Diese tiefe Traurigkeit ist angemessen und sehr verständlich. Es ist nichts, dass wir mit Medikamenten behandeln müssen (welche auch hier nicht wirklich helfen). Noch ist es etwas, über das wir schnell „hinwegkommen“ müssen. Ein Rückzug vom Leben ist hier verständlich und es hat ebenfalls keine definierte Dauer (auch wenn uns medizinische Diagnosen hier anders aufzeigen). Und doch will die Trauer gelebt werden. Auch hier gilt: fühle ich sie nicht, heile ich nicht.

Akzeptanz
Diese oft als letzte Phase bezeichnete Stufe der Trauer wird häufig missverstanden. Sie bedeutet nicht, dass wir mit dem Verlust einverstanden sind. Und schon gar nicht, dass wir nun wieder „in Ordnung“ sind.
Sie besagt ausschließlich, dass wir akzeptieren, dass unser geliebter Mensch physisch nicht mehr unter uns ist. Und dass dies dauerhaft, bis an unser Ende.
Wir lernen damit zu leben. Ob wir das gutheißen oder nicht. Wir beginnen die Welt und alles was in ihr ist wieder wahrzunehmen und uns darin zurecht zu finden. Unser neues „Ich“ nimmt neue Rollen und Aufgaben an. Das Leben wieder zu genießen gehört auch zur Akzeptanz. Auch wenn es sich manchmal wie Verrat am geliebten Menschen anfühlt. Und doch ist diese Akzeptanz nicht der Ersatz für den Verlust, sondern genau diesen ins Leben zu integrieren. Ihn in Geschichten und Erzählungen, in Handlungen und neue Beziehungen mit einzubeziehen und weiter Teil von unserem Leben sein zu lassen.
Der leere Fleck in unserem Herzen wird bleiben. Aber Neues in Leben einzuladen, neue Beziehungen, neue Verbindungen und Unabhängigkeiten zu erfahren bedeutet zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Unser Herz wird weiter und größer. Die Liebe zum Verstorbenen ist Teil davon und wir beginnen wieder zu leben. Dies aber nur, wenn wir der Trauer ihren Raum gegeben haben.
In meiner Ausbildung habe ich noch eine weitere Phase kennengelernt, welche ich selbst erfahren habe und für sehr wichtig halte. David Kessler, der mit Elisabeth Kübler-Ross gearbeitet hatte und mit ihr auch zwei Bücher schreiben durfte, hat diese neue Phase geprägt.

Sinn
Diese Phase bedeutet nicht, dass wir die anderen Phasen der Trauer umgehen können und sollten. Es bedeutet auch nicht den Schmerz zu überspringen oder zu entfernen.
Allerdings kann Sinn uns eine neue Perspektive in der Trauer geben und uns helfen die Trauer und den Schmerz über die Zeit besser tragen zu können.
Sinn muss nicht unbedingt etwas ganz Großes oder Bedeutungsvolles sein. Sinn findet sich auch in kleinen dankbaren Momenten oder jene Momente in denen wir uns ganz verbunden fühlen.
Wir können das Leben des geliebten Menschen würdigen, in dem wir etwas über ihn erzählen, seine Werte weitertragen oder einfach nur die Erinnerung an ihn wachhalten.
Manchmal ergibt sich aus dem Verlust auch eine Aufgabe und es zeigt sich ein ganz neuer Pfad, den wir einschlagen.
Auch wie wir uns nach dem Verlust verändern, kann uns Sinn geben.
Es heißt nicht, den Verlust damit gutzuheißen oder zu erklären. Sondern nur die Veränderung in und an uns selbst als sinnstiftend wahrzunehmen.
Sinn kann nicht erzwungen werden und zeigt sich über die Zeit. Manchmal auch sehr lange nach der ersten intensivsten Phase der Trauer.
Die Phasen der Trauer haben wie bereits erwähnt keine Ablauffolge. Sie helfen uns unsere Trauer zu verstehen und mit dem Wissen über die Phasen lernen wir die Trauer anzunehmen, wie sie sich in uns offenbart.
David Kessler, wie auch Elisabeth Kübler-Ross, von denen die Beschreibung der Phasen oben in Anlehnung entnommen sind, verweisen ganz vehement auf die oft missverständliche Interpretationen hin, die nie die Intention dieser Phasen war.
Nicht linear. Nicht alle Phasen müssen oder werden durchlaufen. Keine festgelegte Zeitdauer.
Wie sie sich im Leben und in ihrem Trauerprozess zeigen sind so individuell wie jeder einzelne Mensch und oft geprägt von den Umständen, der Kultur und dem sozialen Umfeld.